Endlich Erntezeit

Erntezeit

Endlich Erntezeit

Hurra, die Äpfel sind reif! Grund genug, diesem verführerischen Obst wunderbare süß-saftige Rezepte zu widmen. Und für alle, die sich noch nicht so gut mit den Sorten auskennen, gibt’s von uns noch ein paar Tipps, welche man wofür am besten nimmt.

David und Linda Deme waren mutig. Lange hatten sie von längst vergessenen Apfelsorten geträumt, die man nur an wenigen Bäumen in sehr alten Gärten fand. 1983 war es so weit: Linda war mit ihrem ersten Kind schwanger und die Demes entschieden sich, keine Zeitungen mehr zu verkaufen. Stattdessen zogen sie nach Kent, um ihr Glück mit historischen Obstsorten zu versuchen. Und so wurden die Zeitungshändler aus Westminster zu etwas, das in unserer Zeit sehr selten ist – eine Bauernfamilie in erster Generation.

Ihr Reich ist das Chegworth Valley, eine 210 Hektar große Familienfarm, die sie mit Geschäftsethik, Knochenarbeit und gesundem Menschenverstand aufgebaut haben – natürlich auf der Basis von Äpfeln. „Diese hier sind sehr fest, knackig und haben eine erfrischende Säure“, erzählt David, als er gerade einen Crimson Crisp, seinen Topseller, aufhebt. „Wir können gar nicht genug davon anbauen.“ Auf der Farm gibt es 30 verschiedene Apfelsorten, aber auch Birnen, Pflaumen, Beeren und Kuriositäten wie schwarze Radieschen und Mispeln. An Markttagen leeren sich allerdings die Kisten mit den alten britischen Apfelsorten am schnellsten. Die sehen so ungewöhnlich aus wie ihre Namen klingen: der herbe, nussige Blenheim Orange, der süße Egremont Russet oder der nach Erdbeer duftende Worcester Pearmain – sie alle gehen weg wie warme Semmeln. Die Beliebteste unter den sechs verschiedenen Birnensorten ist dagegen eher ein „Evergreen“, nämlich die süß schmeckende Williams Christbirne. Lindas Favorit ist aber die Doyenné du Comice: „Für mich die Birne der Birnen. Sie schmeckt gekocht genauso lecker wie roh – einfach himmlisch.“

Neben den Früchten sind es vor allem die köstlichen Obstsäfte, die ihre Farm berühmt gemacht haben. Deren Produktion wurde aus der Not geboren, als 1997 fast die gesamte Ernte durch Frost zerstört wurde. David und Linda hatten keine großen Reserven mehr und mussten noch etwas Geld von der Bank leihen. Sie investierten es in eine Saftpresse – wie sich heraustellen sollte, die beste Entscheidung ihres Lebens. „Unsere Säfte sind
mittlerweile überall zu finden – vom 5-Sterne-Hotel The Dorchester bis hin zu kleinen billigen Lokalen“, sagt David. Die sortenreinen Säfte, also jene, die nur aus einer Apfelsorte gepresst werden, haben alle eine ganz bestimmte Geschmacksnote: von wohlduftend und süß bis herb mit einer fast schon tanninartigen Qualität. Die Saftmischungen wie der grelle Apfelsaft mit Roter Bete oder der extrem saure Apfel-Rhabarber-Saft überzeugen mit wundervoll harmonierenden Aromen und spannenden Kombinationen.

Geht man an den turmhohen Kistenstapeln mit der Tagesernte vorbei, liegt ein süßer Duft in der Luft, der in den kühlen Lagerräumen noch intensiver wird – klar und berauschend wie frisch gemähtes Gras. Im Innenhof schlägt einem dann der Duft von Apfel- und Brombeerkompott aus der Küche entgegen. Sie werden für Kuchen, Crumbles und andere Leckereien verwendet, die alle aus Lindas Rezeptfundus stammen. Verkauft werden sie in einem charmanten Laden in der Kensington Church Street in London, den ihre Tochter Charlotte betreibt. David und Linda wollen nicht mit Supermärkten kooperieren. Sie verkaufen ihre Produkte lieber im eigenen Laden, auf Bauernmärkten und übers Internet – klein, aber fein! Die beiden sind eben in ihrer Art so selten wie ihre Äpfel und schwimmen mit viel Leidenschaft gegen den Strom der Massenproduktion und Einheitsfrüchte.

Text & Rezepte: Anna Jones, Fotos: Yuki Sugiura
Rezepte zur Reportage: 

Knollensellerie ist der perfekte Kontrast zu süß-säuerlichen Äpfeln.

Für 8–10 Portionen
Für 12 Portionen

Nichts passt besser zu den Farben und Aromen des Herbstes als eine knusprige Ente mit goldenen Äpfeln.

Für 6 Portionen