Bärlauch-Jäger

Bärlauch-Jäger

Bärlauch-Jäger

UNSER AUSGEFUCHSTER ITALIENISCHER KÜCHENCHEF und ich (Chefredakteur Andy Harris, Anm. der Red.) sind beide passionierte Wildbeuter und einfach glücklich, wenn wir
bei Sonnenaufgang aufstehen dürfen, um irgendwo draußen Köstlichkeiten aufzuspüren.

Ich bin dafür bekannt, vor den Küsten Großbritanniens durchs Meer zu waten, um dort Schnecken, Seeigel und Meeresalgen von teils weit im Wasser gelegenen Felsen zu kratzen. Gennaro hingegen bevorzugt das Festland und begibt sich seit vielen Jahren regelmäßig auf die Jagd nach wilden Kräutern, Pilzen und Gemüse wie Spinat oder Rauke. Nennen Sie mir irgendein wild wachsendes Gemüse, ganz egal, ob essbares Unkraut oder Wurzelgemüse, und ich versichere Ihnen, Gennaro weiß einen Platz in der Nähe von Londons North Circular Road, an dem man mehrere Kilo dieses saisonalen Schatzes finden kann. Und für all diese geschenkten Zutaten kennt er zudem die besten Rezepte. Vor Kurzem nahm er mich mit zu einem versteckten Gestrüpp in Mill Hill, in der Nähe der Autobahn M1, wo er Bärlauch ernten wollte. Im Dickicht befand sich ein ganzer Teppich dieses knoblauchartigen Gewächses, und sein betäubend süßliches Aroma – ein fast schon süchtig machender Stoff, der mich mehr und mehr in seinen Bann zog – hing schwer in der Luft. Nach einer guten halben Stunde hatten wir bereits genug Bärlauch gesammelt, um daraus etliche Gerichte zu zaubern. Wir setzten uns auf einen feuchten Baumstamm (Foto oben, Gennaro rechts, ich links) und stärkten uns erst einmal mit einem guten Frühstück: mit Olivenöl beträufeltes Brot mit gestampften Kirschtomaten, Bärlauchblättern und Meersalz. Einfach köstlich!

Bärlauch, botanisch Allium ursinum, findet man schon früh im Jahr. Besonders gut wächst er in Wäldern oder in der Nähe von Flüssen und Bächen. Seine Blätter ähneln denen der giftigen Maiglöckchen und Herbstzeitlosen, sind aber an ihrem Knoblauchgeruch zu erkennen. Man kann sie als Kräuter zum Kochen verwenden, aromatisches Pesto daraus machen oder Eintöpfe und Suppen damit verfeinern. Bärlauch schmeckt in Omeletts und im Knoblauchbrot. Zwei Tage später machte ich mich wieder auf den Weg, verirrte mich jedoch hoffnungslos im Vorstadtdschungel. Unseren ganz besonderen Platz fand ich nie wieder.

Text & Rezepte Andy Harris Fotos Sam Stowell
Rezepte zur Reportage: 
Für 1 Portion:
Für 2 Portionen: